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Brief von Max Bruch an Ernst Rudorff Musikwissenschaftliches Institut Köln Max-Bruch-Archiv Signatur: Br. Korr. 154, 347
Brief von Max Bruch an Ernst Rudorff Musikwissenschaftliches Institut Köln ; Max-Bruch-Archiv
Signatur: Br. Korr. 154, 347
Bruch, Max (1838-1920) [Verfasser], Rudorff, Ernst (1840-1916) [Adressat]
Coblenz, 02.09.1866. - 9 Seiten, Deutsch. - Brief, Brief
Inhaltsangabe: Transkription: Coblenz, 2. Sept. 1866, Sonntag morgen Lieber Freund , Im Begriff, die Euryanthe von hier an Sie abzusenden, erhielt ich Ihren l. Brief, und freute mich, daß Sie schon Herz und Auge an dem Anblick des so schön gelungenen Werkes hatten erquicken können. Mittwoch war ich in Ihrer Cölner Wohnung um nachzusehen, und zu fragen; dort war aber (natürlich) aus Berlin nichts für Sie eingelaufen, und ich nahm mir also vor, gleich nach meiner Rückkehr in hiesiges Nest (die aber erst Samstag Morgen erfolgte) Ihnen mein Exemplar zu senden. Ich producirte indeß Ihre Karte, wurde von Ihrer Hauswirthin gut aufgenommen, und hinaufgeleitet, wo es öde und leer aussah – keine tönenden Tasten irgend einer Art, , die Musikalien unter Staubtüchern seufzend. Ich fand ohne Mühe die geschriebene Copie der Euryanthe, und daß die Stelle im Finale des I. Aktes gerade so gestochen ist, wie sie im Urtext steht. Ich kann mir den Vorwurf nicht ersparen, die Stelle zu flüchtig angesehen zu haben. Sie haben ganz Recht, und es kann keinem Zweifel unterworfen sein, daß Weber mit Absicht die Celli erst im 3. Takt eintreten lässt, es macht sich sich auch besonders hübsch, wenn sie bei der Wiederholung mit dem Tenor gen. – Ich glaube, Sie können lange suchen, ohne den gefürchteten „Bock“ zu finden. Sie haben die Bearbeitung mit einer ganz fabelhaften Genauigkeit besorgt. Mir macht die Partitur täglich mehr Freude – das kann ich aufrichtigst versichern! Gestern las ich mit neuem Entzücken das zaubervolle: “Hier dicht am Quell“. Welch ein Stück! – Ich sehne mich danach, es wieder zu hören, von einem meisterhaften Quartett und einem unübertrefflichen Fagott, nur eine Sonntag-Euryanthe – aber solche Stücke sind ja viel zu schön für ein Theater-Publicum! Gestern muss es Ihnen im Ohr geklungen haben, denn verschiedene Ihnen befreundete Menschen erkundigten sich mit aufrichtiger Theilnahme nach Ihrem Befinden, und ich war glücklicherweise in der Lage, genügende Auskunft geben zu können. Mit Frau Krupp aus Essen war ich nämlich bei Mendelssohns in Horchheim, und dort fanden noch versammelt Frl. B. Thormann, Herr Professor Mend.[elssohn] aus Bonn, Frl. Bunsen und eine Mend.[elssohn] aus Halle. Die Besitzung ist wunderschön; waren Sie schon da? – Auf der Rückreise von Kreuznach sollten Sie nicht versäumen, Mend.[elssohn] dort zu besuchen. Sie bleiben ja noch wochenlang. Ueber Magnus habe ich noch sehr viel hin und hergedacht, Alles für und wider erwogen, habe auch zum Ueberfluss das Buch Szarvady nach Paris geschickt; und - je länger ich nachdenke, je unmöglicher scheint mir das Ganze. Ich bin entschlossen, das Buch abzulehnen! Was werden Sie dazu sagen? – Es ist mir zur unumstösslichen Gewissheit geworden, daß alle schönen und praktischen Einzelheiten des Stücks doch nicht im Stande sein können, über die unmöglichen Voraussetzungen, auf denen die Handlung basirt, hinwegzusehen. Der Magnus, der Träger des Ganzen, würde die jämmerlichste Rolle spielen, und höchstens Mitleid erregen – kein weiteres Interesse. Mosenthal, dem ich meine Hauptbedenken offen ausgesprochen hatte, schreibt allerdings: „Magnus ist kein Held in der Theatersprache; er ist ein moralischer Held, der seiner Moral alles opfern kann, und auf diesem seelischen Heroismus ist das Buch basirt. Eine Heirath darf so tief tragische Verwicklungen nicht lösen. Er muß büßen und doch seigen; er rettet die Kroneund verliert die Liebe, er geht geläutert aus dem großen Kampf hervor und hat sich seinen historischen Namen Magnus Ladulas, das Scheunenschloss, der Bauernkönig, verdient.“ Ich gestehe nun offen, daß ich das nicht für eine Widerlegung meiner Bedenken halten kann und diese Ausführung zum Theil nicht einmal verstehe. Der Magnus ist kein moralischer Held, sondern ein moralischer Narr. Der erzwungene Schwur, den er dem unbedeutenden später verschwindenden Schurken Sten geleistet hat, kann weder für ihn, noch für das Publicum Autorität genug haben, um seine drückende Passivität zu rechtfertigen. Wenn auf der einen Seite das Vaterland, die Braut in höchster Bedrängnis sind - wenn er nun mit einem Wort alles gut machen kann – wenn auf der andern Seite der durch physische Gewalt erzwungene Eid steht, so sollte für ihn die die Wahl nicht zweifelhaft. Ich kann mir nicht helfen, ich kann nicht den mindesten Respect vor einem derartigen Eid haben, nur den wahren Wunsch, dass etwa Mindeste Gefühlsweise und Geschmacksrichtung in diesem Punkt ganz übereinstimmen, so muss doch etwas dran sein. Die ganze Geschichte dreht sich eigentlich um kindliche Auctorität und Legitimität – Dinge, die heutzutage wenig mehr gelten. Wenn Magnus aus dem Fenster eines Klosters springt, so thut er’s aus Gewissensqualen – wie anders [...] dagegen Raoul‘s Sprung in den Hugenotten! – Sehr schlimm ist auch [...] daß Magnus nur schwört, um das nackte Leben zu retten – wenn Anderes, Größtes davon abhinge, oder dadurch erreicht werden könnte, so wäre es eine hganz andere Sache. Mosenthal konnte meinetwegen einen Roman, oder eine interessante psychologische Novelle aus dem Stiff machen – aber in einer Oper ist mit solchen moralischen Helden, wie mir scheint, wenig anzufangen. Jedermann wird den Magnus für sehr dumm u. weichlich erklären – fürchte ich, - und wie wenig Aenderungen am Einzelnen helfen können, wenn die Hauptsache unrettbar verfehlt ist, das haben wir Schaudern, Entsetzen und tiefster Betrübnis eben an der Euryanthe gesehen. Da also Mosenthal jede inhaltliche Aenderung refüsiert, (und auch am Ende refüsiren muss, da sich wirklich an dem Eid und dem daraus resultierenden Verhalten des Magnus nichts thun läßt), so bleibt mir nichts übrig, als das Buch zu refüsiren. Denn an eine für unhaltbar erkannte Sache so viel Zeit, Mühe und Kraft zu verschwenden, wäre Unsinn. Ich würde mit Verzweiflung das Buch zurückschicken, wenn nur nicht ein schöner, Hoffnungsstern leuchtet: Gustav Wasa ist mein Halt! – Das kling schon ganz anders als „Magnus“! Hier sind alle Elemente einer guten Oper zusammen, Gustav (Bariton) – seine Mutter oder seine Braut – die dänische Tyrannei, repräsentiert vielleicht durch den König Christian – buntes Volksleben in Dalekarlien, und – als höhere Soubrette, ein dalekarlisches Mädchen (wichtige Rolle), die den Gustav, ohne seinen wirklichen Namen zu kennen, liebt, und später in irgend einer Weise sich für ihn opfert, ihn rettet. Diese Rolle müsste so originell und pikant und anmuthig wie möglich werden, nur mit den süssesten Tönen des Dalekarlischen Volksliedes ausgestattet werden. Man hätte auch Schweden, den Norden u. ich nicht minder wie im Magnus, Gelegenheit, dem Ganzen den angemessenen Localton zu geben, - und ungeheuer wichtig wäre es, in der Rolle des Mädchens auch einen Gegensatz des Standes, der Empfindungsweise zu haben, der z. T. im Magnus gänzlich gefehlt hätte. Die Grundfarbe wäre hier nicht so düster, wie beim Magnus; darauf ist auch, wie ich glaube, Werth zu legen. Durch zu drückende Grundstimmung wird entschieden der harmonische und im eigentlichen Kern erfreuende Eindruck eines Kunstwerks erschwert. Mehr Dur als Moll – das wird immer gut sein! – Noch etwas macht mich stutzig: ich fragte mich: Wie würdest du eine Ouverture zu Magnus behandeln? Eine Ouverture, die ohne Combination der Hauptmelodien in Weber’scher Art mehr den Geist des Ganzen ausschmücken möchte. Und siehe da, ich konnte durchaus nicht in’s Reine kommen über die Art dieser Magnus Ouverture. Denken Sie sich dagegen eine Ouvert. Zu Gustav Wasa! Da stehen im Moment alle Hauptelemente klar vor der Seele; Beweis genug, daß in diesem Stoffe alles klarer, zweifelloser, packender ist. – Man könnte so in’s Unendliche plaudern. Aber endlich muss man doch aufhören. Verzeihen Sie meine Ausführlichkeit! Grüßen Sie Ihre verehrten Eltern, sowie auch Frau Szarvady aufs herzlichste. Sie ist wirklich eine liebe und sehr musikalische Frau. Aus Ihren Andeutungen glaube ich zu entnehmen, daß Ihnen der Nachmittag in Theodor-Hall wirklich geschadet und zurückgesetzt hat. Es wäre mir sehr leid! Ich habe mir gleich danach Vorwürfe wegen meiner Sorglosigkeit gemacht. Lieber Rudorff, schreiben Sie nur recht bald einmal! Ich sitze hier unter geistlosem Volk, das nur Moselwein trinken und nur schwadroniren kann. Wäre nicht Cöln so nah – man müßte verzweifeln. Diesen Winter mag’s noch so fortgehen. Lassen Sie mich bald von Ihrem denken und Arbeiten wissen. Herzlichst grüßt Ihr treu ergebener Max Bruch.Mendelssohn, Joseph (1770-1848) [Erwähnt], Mosenthal, Salomon Hermann von (1821-1877) [Erwähnt], Clauss-Szarvady, Wilhelmine (1834-1907) [Erwähnt], Krupp, Bertha (1831-1888) [Erwähnt]
Bemerkung: Max Bruch Bezug zu: Leopold Koželuhs Gustav Wasa und Salomon Hermann Mosenthals Magnus
Objekteigenschaften: HandschriftPfad: Max-Bruch-Archiv / Korrespondenz
DE-611-HS-4307641, http://kalliope-verbund.info/DE-611-HS-4307641
Erfassung: 8. Dezember 2025 ; Modifikation: 27. Februar 2026 ; Synchronisierungsdatum: 2026-07-22T13:20:14+01:00
