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Brief von Max Bruch an Ernst Rudorff Musikwissenschaftliches Institut Köln Max-Bruch-Archiv Signatur: Br. Korr. 154, 545
Brief von Max Bruch an Ernst Rudorff Musikwissenschaftliches Institut Köln ; Max-Bruch-Archiv
Signatur: Br. Korr. 154, 545
Bruch, Max (1838-1920) [Verfasser], Rudorff, Ernst (1840-1916) [Adressat]
17.12.1906. - 12 Seiten, Deutsch. - Brief
Inhaltsangabe: Transkription: Lieber Freund, Die Sache, wegen derer Du mir heute schreibst, liegt so: Ich bin seit einiger Zeit „Vertrauensmann“ der Genossenschaft, und als solcher wurde ich zu einer wichtigen Sitzung am 28. Oct. d. J. eingeladen. Es waren anwesend: 1) Der Vorstand (Rich. Strauss, der mich von fern ansah wie das böse Princip, und sich in der Sitzung höchst anmaßend und unschicklich benahm), Rösch, der mit in liebenswürdiger Weise zu meinen diesjährigen hohen Tantièmen (über 2400 M.) gratulirte, und Dr. Osterrieth, ein sehr scharfsinniger Jurist und ein Mann von guten Formen – in juristischer Beziehung gescheidter als alle Leipziger Verleger zusammen; ferner als Vertrauensmänner Gernsheim, Kleffel und ich, fast alle Berliner Verleger, und als Vertreter der Leipziger ein Dr. Brockhaus. Einziger Gegenstand der Tagesordnung war die Einigung mit den Leipzigern. Die Berliner Verleger hatten hierüber privatim mit den Leipzigern verhandelt, und aus diesen Verhandlungen ging der Antrag der Berliner Verleger hervor, (den Hans Simrock verlas), nunmehr die Leipziger aufzunehmen und ihre Bedingungeneinfach anzunehmen. Diese Bedingungen waren aber solche, daß Rösch sofort die schwersten juristischen Bedenken dagegen aussprach: sie verlangten namentlich einen so großen Antheil an der vollziehenden Gewalt, daß die nothwendigen Befugnisse des Vorstandes ganz illusorisch geworden wären; die Forderungen waren nicht erfüllbar ohne eine völlige Statuten-Aenderung zu der aber durchaus kein Anlaß vorlag, und die auch höchst wahrscheinlich (N.3!) von der Regierung nicht genehmigt werden dürfte. Rösch sprach sich durchaus nicht principiell gegen die Einigung mit den Leipzigern aus, wies aber nach, daß es so nicht ginge, und daß der ganze Antrag der Berl. Verleger mit totaler Unkenntniß der juristischen Sachlage formulirt sei. Dies bestätigte unser Rechts-Consulent Dr. Osterrieth. R. Strauss sprach leidenschaftlich, heftig und ganz formlos, und benahm sich im Ganzen so, wie sich ein Vorsitzender nie benehmen sollte / und ich hatter den Eindruck, daß er, Strauss, ein Gegner der Einigung mit Leipzig sei. / Die Andern redeten hin und her, betonten aber immer wieder von ihrem Verleger-Standpunkt aus, wie wünschenswerth und nothwendig eine Einigung mit Leipzig sei. Da nun der Entwurf der Verleger viele Parpagraphen enthielt, deren eingehende Berathung im Plenum ganz unmöglich war, so wurde schließlich der Vorstand zu weiteren Verhandl. mit den Verlegern und zu eingehender Prüfung ihrer Vorschläge ermächtigt. So gingen wir am 28. Oct. auseinander. Da ich aber unter dem Eindruck stand, daß R. Strauss parteiisch gegen die Einigung sei – jedenfalls nichts dafür thun werde – und da ich hierin eine große Gefahr zu erkennen glaubte, so schrieb ich am 30. Oder 31. Oct. an Hans Simrock (Vertrauensmann der Verleger und Vorstandsmitglied der Genossenschaft) und ging in diesem Brief scharf gegen R. Strauss vor. Ich tadelte seine ganze, ungehörige Art zu präsidiren, beschuldigte ihn der Partheilichkeit, und stellte es als unbedingte Nothwendigkeit hin, daß jetzt die Einigung mit den Leipzigern zu Stande käme. Und ich fügte hinzu: „Geht es nicht mit Strauss, so muß es ohne ihn gehen – und nöthigenfalls gegen ihn.“ Simrocks Antwort vom 5. Novbr. lege ich bei, mit der Bitte um Rücksendung. Aus diesem Brief geht hervor, daß schon vor dem 5. Novbr. die principielle Einigung verfolgt worden war, und im Laufe des Novbr. wurde dies mir von verschiedenen Mitgl. der genoss. (u. A. von X. Scharwenka). Officiell weiß ich aber noch nichts über die Form der Verständigung. Nun schreiben Dir B. & H. am 14. Decbr. (also 5 Wochen nach Simrocks Mitth. an mich) so, als wäre keine Einigung erfolgt, und stimmen das alte Jammergeheul an, welches wir zum Ueberdruß haben hören müssen. Ich möchte beinahe glauben, daß Dr. v. Hase im letzten Augenblick wieder neue Stänkereien gemacht hat (an den alten war es gerade genug), und daß an seinen unsinnigen Forderungen die Sache schließlich gescheitert ist. Da jeden Tag die Einladung zu einer Sitzung kommen kann, so hoffe ich bald klar zu sehen, und werde Dir dann gleich schreiben. So viel kannst Du aber als sicher annehmen, daß die Forderungen der Leipziger, wie sie uns - von den Berliner Verlegern formulirt – vorlagen, ganz unannehmbar waren. Wenn ich trotzdem energisch für die Einigung eingetreten bin, so habe ich dies im Interesse der Sache gethan, und weil ich meinestheils noch nicht an der Möglichkeit einer andern, bessern Formilirung verzweifelte. Wenn B. & H. sagen: „Früher hatte unser O. von Hase diese Dinge in die rechte Bahn zu bringen versucht“ (schöner Satz, von ihm selbst dictirt), so ist dies eine wahrhaft erheiternde Unwahrheit, - denn Niemand hat mehr gethan, um „diese Dinge“ in ganz falsche Bahnen zu lenken und das ganze, segensreiche Wirken unserer Genossenschaft zu erschweren und lahm zu legen, als eben der Herr Dr. v. Hase. Als ich 1903 nach Italien mußte, war der letzte Gruß aus Deutschland die entschiedene Weigerung v. Hase’s, meine bei B. & H. erschienenen Werke bei der Genoss. in Berlin anzumelden; und seinem illustren Vorgang folgten mein andern Leipziger Verleger, - Kistner, R. Linnemann (Siegel) etc. etc., woraus mir dann nach und nach ein recht empfindlicher Schaden erwuchs. Wenn jetzt v. Hase seine referirte Haltung gegenüber der Orchesterbearbeitung Deiner Variationen mit der Hinweisung auf die „allgemeine“ Lage zu erklären und zu entschuldigen sucht, so ist dies nichts als ein durchsichtiger Verleger-Vorwand und eine Heuchelei; B. & H. waren immer schäbig, und sind es jetzt mehr denn je; sie scheuen bloß die Stichkosten für die Partitur! – Ist trotz alledem die Einigung nicht perfect, so reden wir weiter über die Sache, und über die alsdann nöthigen Schritte. Dein getr. M. Bruch.Strauss, Richard (1864-1949) [Erwähnt], Rösch, Friedrich (1862-1925) [Erwähnt], Osterrieth, Albert (1865-1926) [Erwähnt], Gernsheim, Friedrich (1839-1916) [Erwähnt], Kleffel, Arno (1840-1913) [Erwähnt], Simrock, Hans (1861-1910) [Erwähnt], Scharwenka, Xaver (1850-1924) [Erwähnt], Hase, Oscar von (1846-1921) [Erwähnt]
Genossenschaft Deutscher Tonsetzer (1903-1931) [Behandelt]
Bemerkung: Max Bruch
Objekteigenschaften: HandschriftPfad: Max-Bruch-Archiv / Korrespondenz
DE-611-HS-4311458, http://kalliope-verbund.info/DE-611-HS-4311458
Erfassung: 7. Januar 2026 ; Modifikation: 7. Januar 2026 ; Synchronisierungsdatum: 2026-01-07T14:23:28+01:00
