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Brief von Max Bruch an Ernst Rudorff Musikwissenschaftliches Institut Köln Max-Bruch-Archiv Signatur: Br. Korr. 154, 391
Brief von Max Bruch an Ernst Rudorff Musikwissenschaftliches Institut Köln ; Max-Bruch-Archiv
Signatur: Br. Korr. 154, 391
Bruch, Max (1838-1920) [Verfasser], Rudorff, Ernst (1840-1916) [Adressat]
Sondershausen, 28.06.1870. - 7 Seiten, Deutsch. - Brief, Brief
Inhaltsangabe: Transkription: Lieber Freund, Ich eile mich, nachdem Spitta mir Deinen Brief an ihn mitgetheilt hat, Dir über die hiesigen Verhältnisse zu schreiben, was Du zu erfahren wünschest. Da ich aus Deinem Brief an mich nicht den Eindruck gewann, als wenn Dir die Sache eigentlich am Herzen liege, und außerdem etwas annähernd Bestimmtes über die Gestaltung der hiesigen Dinge noch nicht zu sagen war, so dachtge ich, es sei besser, die Beantwortung noch ein wenig zu verschieben. Heute kann ich freilich Bestimmtes ebensowenig sagen. Feste Entschlüsse sind in den oberen Regionen bis jetzt noch nicht gefaßt, und werden auch allem Anschein nach in nächster Zeit noch nicht gefaßt werden. Es ist sehr möglich, daß ein neuer Kapellmeister jetzt überhaupt nicht ernannt wird, sondern daß Musikdirektor Rakemann die Geschäfte mit seinem bisherigen Titel und einer Zulage persönlich fortführt; es ist möglich, daß sich ein solches Provisorium bis zur nächsten Loh-Saison (sommer 1871) fortschleppen könnte, ja vielleicht noch länger, da ich auch nach meinem Ausscheiden aus der jetzigen Stellung (das ist Dir noch neu) doch ein nahes Verhältnis zum Hof behalte und die Hofconcerte dirigiren werde; Princeß Elisabetta hat mich ausdrücklich und in äußerst liebenswürdiger Weise darum gebeten, und ich habe eds freudig zugesagt. Ich behalte meinen bisherigen Titel, und stehe immer zur Verfügung des Hofes, und wohne nach wie vor im Sommer einige Monate hier. Financiell wird allerdings nicht viel dabei herauskommen (einige Honorare von 15 fd’or) das ist aber auch das Wenigste. Mach Dir darüber keine Sorgen (auch Joachim soll’s nicht). Ich bin nicht mehr von den Zulagen „abhängig“; eher könnte man sagen, sind von mir abhängig; das Wenige, was ich schreibe, ist von Allen begehrt, sie zahlen, was ich fordere (Simrock für die Sinfonie 340 Thlr. = 60 fd’or), auch habe ich durch Zeiten, Directions-Honorare etc. noch einige 100 Thlr – weßhalb also die materielle Seite der Frage durch die schwarze Brille ansehen, als wenn es sich um die bedrohte Existenz einer ganzen Familie handelte?! – Hoffmeister [sic], André, Heinze, Peters, Senff, Lienau etc. haben (zum Theil 2-3 mal) angefragt, und ich kann ihnen beim besten Willen nicht einmal etwas geben, weil ich ja nicht gerne den Kreis meiner jetzigen Verleger unnöthig erweitern möchte. Simrock, Härtel, Kistner, Cranz, genügen mir und conveniren mir. Das szu Deiner völligen Orientirung über die Frage. – Für die fernere Gestaltung der hiesigen Angelegenheit wird zweierlei vornehmlich in Betracht kommen: 1) Rakemanns Stellung und 2) die Abneigung der Princeß Elisabetta gegen jede, einseitig durch die ihr verhaßten Schanzen herbeigeführte völlige Neugestaltung der musikalischen Dinge. Meiner Ansicht nach kann man nicht fuglich Pläne für die Zukunft machen, ohne Rakemann zu berücksichtigen. Er ist nun einmal hier, hat seine Sache ganz gut gemacht, das Theater zu allgemeiner Zufiredenheit geleitet, sich in Kurzem eine gute Orchester- und Theater-Praxis verschafft, und wünscht sehr, hier zu bleiben, da er heirathen will. Er ist ein guter Praktiker und ein jovialer Mensch, aber weder ein feinfühliger Musiker noch ein feingebildeter Mensch. Bei Capelle und Bevölkerung hat er Sympathien, bei Hofe (d.h. speciell bei den beiden Damen) weniger, da namentlich die Hofdame Frl. von Steinäcker, hin und wieder an seinem zu bürgerlichen Wesen Anstoß nimmt. Der Minister von Kayser scheint auch mit der Princeß die Ansicht zu theilen, daß R. nicht der Erste sein könne, was aber der ministerielle Herr eigentlich will, das ist schwer zu sagen. Wenn er sich einbildet, einen hervorragenden Künstler, der auch nach außen hinrepräsentiren kann, gewinnen zu können, der es sich ruhig gefallen ließe, auch ddie schrecklichen Akad.-Lohconcerte und die Possen zu dirigiren, so irrt er sich ganz gewaltig. Du könntest Dich doch auf solche Dinge nie und nimmermehr einlassen. Also Rakemann ist nach meiner Ansicht nicht zu umgehen, obgleich man nicht geneigt scheint, ihn zu meinem Nachfolger zu ernennen. Höchst wahrscheinlich wird man also (ich komme darauf zurück), den provisorischen Zustand bis zum Sommer 1871 ... lassen. Sollte man dann Spitta zur Berufung eines neuen Capellmeisters thun, - solltest Du , liebster Freund, alsdann noch gesonnen sein, nach reiflicher Prüfung Deiner und der hiesigen Verhältnisse, die Stellung anzunehmen, - so verspreche ich Dir schon jetzt, daß ich hinter den Coulissen Alles aufbieten werde, um Dir Realisierung Deines Wunsches zu verhelfen. Freilich müßte ich ganz im Stillen für Dich wirken – sonst würde gewiß nichts daraus. Da aber ohne Princeß ganz gewiß nichts geschieht in der Sache, so liegt es eventuell immer in meiner Hand, ihre Aufmerksamkeit zunächst auf Dich und keinen außer Dir zu lenken. Eine Menge von kleinem mängelhaften musikalischen Volk hat sich gemeldet, die ich vorläufig Alle mit orakelhaften Antworten abfinde werde; aber auch ein Bedeutender nämlich (lies und staune:) Brahms! - Spitta und ich haben ihm aber geschrieben, es sei nichts für ihn. Er hat sich offenbar die Stellung ganz anders gedacht als sie ist. – Auch Dir würde ich da nicht zurathen; in einem Jahr bist Du hier untendurch und fühlst Dich kreuzunglücklich. Wenn Du aber willst, so habe ich nichts Anderes mehr zu thun als vorkommenden Falls das Meinige zu wirken, aus allen Kräften, daß Du zu Deinem kommst. Für Sondershausen wäre es eine ganz unverdiente Ehre, wenn Du hierherkämest! – Sprich Himmelstoß von der Sache und erzähle ihm, daß ich die Hofconcerte ferner dirigiren werde. Zur Genesung des Vaters den allerbesten Glückwunsch! – Komm mit Ballade schon bald. Zwischen dem 10. -22. Juli bin ich in Bremen. Jetzt pressirt Hermione sehr stark. Herzlichst Stets Dein M. B.Joachim, Joseph (1831-1907) [Erwähnt], Rakemann, L. [vermutlich] [Erwähnt], Himmelstoss, Richard [Erwähnt], Elisabeth, Schwarzburg-Sondershausen, Prinzessin (1829-1893) [Erwähnt]
Loh-Orchester Sondershausen (1801-1991) [Behandelt]
Bemerkung: Max Bruch
Objekteigenschaften: HandschriftPfad: Max-Bruch-Archiv / Korrespondenz
DE-611-HS-4316209, http://kalliope-verbund.info/DE-611-HS-4316209
Erfassung: 4. Februar 2026 ; Modifikation: 4. Februar 2026 ; Synchronisierungsdatum: 2026-02-04T15:38:52+01:00
